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Die letzte Reise

Seit dem 16. November läuft „Nokan – Die Kunst des Ausklangs“ (Jap.: Okuribito) in den deutschen Kinos. Dieses japanische Melodram von Yôjirô Takita aus dem Jahre 2008 wurde als bester fremdsprachiger Film mit einem Oscar ausgezeichnet. Protagonist dieser Geschichte ist Daigo Kobayashi, ein Cellist, der nach Auflösung seines Orchesters in Tôkyô mit seiner Frau in seinen ländlicheren Heimatort zurückkehrt. Er stößt auf eine Anzeige einer vermeintlichen Reiseagentur und will sich dort vorstellen. Dieses Unternehmen allerdings hilft nicht bei irgendeiner, sondern bei DER letzten Reise; es handelt sich um ein Bestattungsunternehmen, das sich die Aufbahrung (nôkan) der Verstorbenen zur Aufgabe macht. Daigo entdeckt schon bald seine Berufung in dieser Arbeit, aber auch Probleme, die diese mit sich bringt…

Religion hat in dem oscargekrönten Werk unerwarteterweise wenig Präsenz. Ebenso die Erläuterung gewisser Bräuche bzw. bestimmter Hintergründe. Daher habe ich  in den folgenden Zeilen einige Aspekte der japanischen Beerdigung, und mit einem kleinen Exkurs in die japanische Göttermythologie einen Ursprungsaspekt ritueller Verunreinigung  skizziert.

Die größten Religionen Japans sind der indigene Shintoismus (shintô) und der im 6. Jahrhundert über Korea überlieferte Buddhismus (bukkyô), welcher in der Regel für Bestattungen und Friedhöfe in Japan verantwortlich ist. Eine buddhistische Beerdigung könnte man in vier Phasen einteilen:

1) die Totenwache (tsuya), bei der die Familie bzw. enge Freunde eine ganze Nacht beim Leichnam verbringen (evtl. rezitiert ein Mönch Sutren zur Beschwichtigung des Geistes des Verstorbenen).
2) Beerdigung (sôshiki): Stirbt eine Person, kann sich ein Mönch des Familientempels in unmittelbarer Nähe um Bestattungsfragen wie Zeremonien (Rezitation von Sutren) kümmern. Mönche arbeiten auch mit Bestattungsunternehmen (sôgiya) zusammen. Ebenso die Aufbahrer (nôkanshi).  Utensilien zur Bestattung wie Altare,  Weihrauch, Blumen, Glocken, Todesroben etc. können zur Verfügung gestellt werden, angepasst an die Religionszugehörigkeit der Verstorbenen. Auch die Frontverzierungen der Särge variieren je nach Glaubensrichtung. Auf einem dekorierten Altar befindet sich u.A. ein Foto, Weihrauch, eine Glocke und eine Schale Reis mit aufrecht hineingesteckten Essstäbchen (das Hineinstecken ist sonst natürlich ein Tabu) als Mahlzeit für die Reise der verstorbenen Person. Einäscherung ist in Japan die übliche Form der Bestattung und jeder Japaner (ausgenommen Christen u. Juden) erhalten nach dem Tod einen neuen Namen.
3) Dem 7. Tag nach dem Tod (shonanoka) kommt eine besondere Bedeutung zu, da der Glaube besteht, dass der Geist des Verstorbenen eine Woche nach seinem Tod zurückkehrt. Daher werden im Haus der Familie oder im Tempel Sutren rezitiert.
4) Der 49. Tag nach dem Tod (shijûkunichi) bezeichnet den Übergang der Seele vom Diesseits (konoyo) ins Jenseits (anoyo).

Mitte August jeden Jahres gibt es außerdem das buddhistische Totengedenkfest „o-bon“, bei dem Familien die Gräber ihrer Ahnen besuchen. Rund um die eigentliche Bestattung gibt es also verschiedene Zeiträume im Jahr, an denen man den Verstorbenen gedenkt. Täte man das nicht, bzw. rituell nicht korrekt, so könnte man vielleicht von den Ahnen in Form von Geistern heimgesucht werden (Rache-/Hungergeister).

In „Nokan – Die Kunst des Ausklangs“ erfährt Daigo Kobayashi als Aufbahrer soziale Ausgrenzung und Abneigung gegenüber seiner Arbeit. Sie wird als unrein empfunden. Dies mag möglicherweise auch mit der Assoziation der rituellen Verunreinigung (kegare) zusammen hängen, ein Begriff, der in erster Linie mit dem Shintoismus und dem Zwist des japanischen Urgötterpaares Izanagi und Izanami in Verbindung gebracht wird. Izanami stirbt bei der Geburt des Feuergottes und Izanagi folgt ihr in die Unterwelt. Er wird jedoch von Dämonen und Izanami verjagt, da er Izanamis nun schreckliches Antlitz entgegen ihrer warnenden Worte erblickte. So verschloss er den Eingang zur Unterwelt und unterzog sich einer rituellen Waschung, da er verunreinigt war. Zugegeben ein sehr berühmtes Beispiel für japanische Unreinheitsaspekte (die ja auch im Buddhismus präsent sind), aber das Thema Tod, Religion und Bestattung in Japan lässt sich weder in wenigen Sätzen, noch in einem Film auf den Punkt bringen.

„Nokan – Die Kunst des Ausklangs“ erzählt von den Wegen des Lebens, vom Schicksal, dem Band der Familie und von einer Kunst, die zu Unrecht unter einem schlechten Ruf zu leiden hat.  Eine weitere Botschaft des Films, nämlich dass auch gutes Essen das Leben ausmacht, kann fast nicht japanischer sein. Der Besuch im Kino lohnt!

Mehr Infos zum Film auf der offiziellen Webseite.

Literatur:
Iwasaka, M./Toelken, B.: Ghosts and the Japanese. Cultural Experience in Japanese Death Legends. 1994. Logan, Utah

Comments (Close):2

  1. Claudia
    1. Januar 2010 at 20:14

    Wer „Nokan“ noch nicht gesehen hat sollte sich beeilen! Dieser wundervoll erzählte Film glänzt nicht nur durch seine bewegende Geschichte, sondern nicht zuletzt durch seine hervorragende Synchronisation, eine so treffende Stimmauswahl und sensibel umgesetzte Dialogfolge ist mir bei aus dem japanischen übersetzten Filmen noch nie begegnet!

  2. Darius
    17. Januar 2010 at 15:40

    Die Synchro ist in der Tat überdurchschnittlich. Der gute Soundtrack beeindruckt zudem natürlich im Kino umso mehr.
    NOCH läuft er!