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Schatten der Unterwelt: Yakuza-Filme und Produktionen von Sion Sono im Kino

Das 17. Japan-Filmfest Hamburg präsentiert von 8. bis 12. Juni 2016 die Vielfalt des japanischen Gangsterkinos. Parallel zu den Gangster- und Mafiaepen des US-amerikanischen Kinos bildete sich in Japan schon früh das Genre des Yakuza-Films heraus. Wir zeigen euch aktuelle Highlights.

Regisseure wie Seijun Suzuki, Kinji Fukasaku und Masahiro Shinoda stehen für ein goldenes Zeitalter. Aber auch das Gegenwartskino eines Takeshi Kitano und Takeshi Miike wäre ohne das Genre undenkbar. Japan weist eine der niedrigsten Verbrechensraten der Welt auf, umso mehr scheinen die bizarren archaischen Rituale, in einer durch Gewalt und Unterwerfung geprägten Unterwelt, die Kinogänger zu faszinieren. Die Ächtung des organisierten Verbrechens ist in der japanischen Gesellschaft allumfassend. Gerade die tragischen Protagonisten dieser Schattenwelt bieten den Filmemachern die Gelegenheit, den Ausbruch des Individuums aus dem engen Korsett gesellschaftlicher Normen zu thematisieren. Es kommt nicht von ungefähr, dass gerade die Auflösung starrer Hierarchien und die Rebellion einer jungen Gangstergeneration zentrale Motive der meisten Yakuzastreifen sind. Die Konfrontation endet dabei auf der Leinwand meist unausweichlich in einem gewalttätigen Exzess.

Yakuza Apocalypse
Auch wenn das Yakuza-Kino auf dem JFFH stets präsent war, ist es an der Zeit, diesem besonders vielschichtigen Genre einen eigenen Schwerpunkt zu widmen. 2016 präsentieren wir daher eine ganze Reihe aktueller Produktionen, die dem Zuschauer einen kleinen Einblick in die Abgründe von Japans Unterwelt und deren cineastischer Aufarbeitung gewähren.

In unserem Festivalprogramm dürfen dabei selbstverständlich nicht die jüngsten Werke der beiden wie keine anderen für das Yakuza-Genre stehenden Filmemacher fehlen: Regieberserker Takashi Miike (Yajuza Apocalypse) und der für seine Grenzüberschreitungen berüchtigte Sion Sono (Shinjuku SwanTokyo Tribe, Why don’t you play in hell?, Tag, The whispering star). Sie steuern gleich mehrere ihrer neuesten Filme bei.

Im Fokus des JFFH 2016: Ausnahmeregisseur Sion Sono

Nur wenigen japanischen Regisseuren ist es in den letzten Jahren gelungen, international derart nachhaltig auf sich aufmerksam zu machen, wie Sion Sono. Ein erstes Ausrufezeichen setzte Sono schon 2001 mit seiner skandalumwitterten Genregroteske Suicide Club (Suicide Circle). Aber erst die filmische Ekstase seines Meisterwerks Love Exposure (2009) ließ ihn als echte Größe des japanischen Gegenwartskinos in das Bewusstsein der weltweiten Cineasten treten. Vollkommen zu Recht gewann dieses vierstündige Biest von einem Film 2009 auf der Berlinale den Caligari-Filmpreis und den FIPRESCI-Preis. Seit diesem Paukenschlag wird jedes seiner neuen Werke ungeduldig von den Fans des japanischen Kinos erwartet.

Why Dont You Play in Hell
1961 in Toyokawa (Präfektur Aicha) geboren, begeisterte sich Sion Sono schon früh für das avantgardistische europäische Kino. Insbesondere die Filme des vom Kino besessenen Regie-Genies Rainer Werner Fassbinder hinterließen bei ihm einen nachhaltigen Eindruck. Ab 1978 konnte er dank seiner vielseitigen künstlerischen Ambitionen national erste Bekanntheit erringen. Er versuchte sich als Lyriker und Schriftsteller, schrieb zahlreiche Drehbücher, arbeitete als Schauspieler und experimentierte mit 8-mm-Kurzfilmen. 1990 verwirklichte er dann mit Bicycle Sighs (JITENSHA TOIKI) seinen ersten vollwertigen Spielfilm. In jüngster Zeit schien Sono von einer immer fiebrigeren Arbeitswut befallen. Von innerer kreativer Unruhe getrieben, folgte in immer kürzeren Abständen Spielfilm auf Spielfilm. Es schien, als wolle er, seinem Vorbild Fassbinder nacheifernd, die ihm als Künstler verbliebene Schaffenszeit so effektiv als möglich nutzen. Im Angesicht der Vielseitigkeit der verarbeiteten Themen und Stile ist Sonos Gesamtwerk schwer in einer festen Schublade zu verorten. Blutige Teenie-Horrorfilme, klassische Yakuza-Streifen, anspruchsvolles Autorenkino und poppiger Mainstream stehen gleichberechtigt nebeneinander und vermischen sich zu einem so nur in der japanischen Kinotradition vorstellbaren Cocktail. Um den Besuchern des Filmfests einen Einblick in die gesamte kreative Bandbreite des Ausnahmeregisseurs zu gewähren, präsentiert das JFFH gleich fünf seiner jüngsten Werke aus den Jahren 2013 bis 2015.

Yakuza-Kino in Hamburg auf dem JFFH am Freitag, 10. Juni 2016

Tokyo Tribe – Ein japanisches Gangster-Rap-Musical

Studio-Kino • Freitag • 10.06.2016 • 16:15 Uhr • 116 min • OmdU
Ein japanisches Gangster-Rap-Musical? Unvorstellbar? Wer sich schon immer gefragt hat, ob Rap auch auf Japanisch funktioniert, wird von der aberwitzigen Vitalität von Tokyo Tribe weggeblasen. Abgedrehte Typen in schrägen Kostümen, brutale Straßenkämpfe vor surrealer Kulisse und das Ganze gewürzt mit fiesen Rhymes. Selbst in punkto Sexismus kann TTokyo Tribe mit den amerikanischen Vorbildern locker mithalten. Basierend auf dem gleichnamigen Manga von Santa Inoue, schuf Sion Sono ein Rap-Musical, das auf Handlungslogik pfeift und sich stattdessen vollends an seiner wilden Bilderflut berauscht. Ein irrer psychedelischer Kino-Trip, der seinesgleichen sucht. In den verregneten Straßen Tokios kämpfen 23 Streetgangs erbittert um die Vorherrschaft. Der Anführer des Wu-Ronz-Clans Mera (Ryohei Suzuki) tut sich mit dem irren Gangsterboss Buppa (Riki Takeuchi) zusammen, um sich zum Alleinherrscher der Slums von Tokio aufzuschwingen. Doch er hat nicht mit der wilden Entschlossenheit der konkurrierenden Gangs gerechnet.

The whispering star – Eine melancholische Science-Fiction-Dystopie

Metropolis • Freitag • 10.06.2016 • 17:30 Uhr • 101 min • OmeU
Sion Sono schuf mit The whispering star eine waschechte Science-Fiction-Dystopie, die sich gemäß der Genre-Tradition viel mehr mit dem Japan der Gegenwart beschäftigt als mit einer imaginierten Zukunft. Eine zunehmend in ihren Wohnungen isolierte Gesellschaft, der als Lösung des demographischen Wandels nichts anderes einfällt, als die Entwicklung immer menschenähnlicherer Roboter. Gedreht mit einfachsten Mitteln und örtlichen Laiendarstellern in evakuierten Bereichen Fukushimas, ist Sono mit The whispering star einer seiner wichtigsten Filme gelungen. Heitere Melancholie vermischt sich mit den trostlosen Landschaften einer leeren Welt. In einer weit entfernten Zukunft: Über 80% der Bevölkerung bestehen aus künstlichen Intelligenzen. Die Androidin „722 Yoko Suzuki“ (Sion Sonos Ehefrau Megumi Kagurazaka) arbeitet als Postzusteller und fliegt in ihrem Raumschiff kreuz und quer durch das All. Die wenigen Menschen sind weit über das Universum verstreut und das Ausliefern der Pakete führt sie bis in die entlegensten Sternensysteme. Während der einsamen Flüge fragt sich Yoko neugierig, was in den Lieferungen verborgen sein mag. Als sie beginnt, die Pakete zu öffnen, erlebt sie eine Überraschung, die ihr Dasein erschüttert.

Tag – Blutige Genre-Groteske oder feministische Befreiungsallegorie?

Studio-Kino • Freitag • 10.06.2016 • 21:00 Uhr • 116 min • OmdU
Die Handlung von Tag fußt lose auf dem Roman REAL ONIGOKKO von Yusuke Yamada. Im Gegensatz zur Vorlage werden aber nicht Personen mit dem Familien namen „Sato“ Opfer des mysteriösen Grauens, sondern weibliche Teenager. Dank internationaler Geldgeber konnte Sono dieses Mal aus dem Vollen schöpfen, was sich sofort an der Qualität der Effekte bemerkbar macht. Auf den ersten Blick lustvoll im (Kunst-)Blut seiner Protagonistinnen watend, verbirgt sich hinter Tag eine radikal feministische Befreiungsallegorie, so surreal überdreht, wie es sich nur ein Sion Sono auszudenken vermag. Der Ausflug einer Mädchenklasse. Friedlich gleitet der Schulbus über die Landstraße. Dann bückt sich die junge Mitsuko nach einem fallengelassenen Zeichenstift und das Grauen bricht los. Wie ein Rasiermesser zerschneidet ein Luftstoß den Bus, durchtrennt sauber die Körper aller Insassen. Einzig Mitsuko überlebt das blutige Massaker. Von Entsetzen gepackt stolpert sie davon. Doch als Mitsuko nach verzweifelter Flucht zurück zu ihrer Schule findet, stellt sie fassungslos fest, dass offenbar alle ihre Klassenkameradinnen überlebt haben. Doch das ist erst der Anfang eines wahren Höllentrips.

Yakuza-Kino in Hamburg auf dem JFFH am Samstag, 11. Juni 2016

Shinjuku Swan – Eine Manga-Bestseller-Verfilmung aus dem Yakuza-Milieu

Metropolis • Samstag • 11.06.2016 • 20:15 Uhr • 139 min • OmdU
Ken Wakuis Manga-Bestseller Shinjuku Swan wurde 2007 zunächst als TV-Serie adaptiert. Der große Erfolg ermöglichte 2014 unter der Regie von Sion Sono schließlich eine aufwendige Spielfilmfassung. Im Yakuza-Milieu von Tokios Rotlichtvierteln angesiedelt, entfaltet sich ein poppiges Sittengemälde einer normalerweise im Zwielicht verborgenen Subkultur.
Tatsuhiko Shiratori (Gou Ayano) ist mit seiner blonden Haarpracht eine auffällige Erscheinung. Leichtfertig gerät er im Tokioter Vergnügungsviertel Shinjuku in eine Schlägerei. Matora (Yusuke Iseya), Offizier eines lokalen Yakuza-Clans, beobachtet das Geschehen und nimmt sich des jungen Tunichtguts an. Tatsuhiko erweist sich als talentierter Scout, jemand der gezielt attraktive Frauen für die Clubs und Bars des Rotlichtbezirks anwirbt. Doch rasch wird er auch mit den Schattenseiten des Geschäfts konfrontiert: Durch Drogensucht und Prostitution zerstörte junge Frauen und brutale Revierkämpfe konkurrierender Clans.

Why don’t you play in hell – Bitterböse Mediensatire trifft auf Genre-Irrsinn

Metropolis • Samstag • 11.06.2016 • 23:00 Uhr • 129 min • OmdU
Sion Sono schrieb das Drehbuch schon vor 15 Jahren. Damals zielte die Planung noch auf einen knallharten Yakuza-Film. Was Sono nun daraus machte, lässt sich eher als Action-Medien-Satire beschreiben, in der die Beteiligten in ganzen Strömen von Blut ertrinken. Die überzeichnete Gewaltspirale lässt alle, die eine ernsthafte Medienkritik erwarten, fassungslos zurück. Why don’t you play in hell ist eine bitterböse Satire, die jeden Fan des japanischen Genre-Irrsinns begeistert. Ikegami (Shin’ichi Tsutsumi) und Muto (Jun Kunimura), die Bosse zweier verfeindeter Yakuza-Clans, sind seit Jahren erbitterte Gegner. Als Mutos Ehefrau kurz davor steht, aus dem Gefängnis entlassenzu werden, beschließt er, ihr einen Herzenswunsch zu erfüllen. Ihre gemeinsame Tochter Michiko (Fumi Nikaido) soll endlich ein Filmstar werden. Da kommt die unbedarfte Filmcrew „The Fuck Bombers“ gerade recht. Ehe sie wissen, wie ihnen geschieht, geraten sie zwischen die Fronten eines brutalen Yakuza-Krieges.Während der Dreharbeiten eskaliert die Gewalt in immer blutigeren Gemetzeln und die Grenze zwischen Voyeurismus und aktiver Beteiligung beginnt zu verschwimmen.

Yakuza Apocalypse: The Great War Of The Underworld

Studio-Kino • Samstag • 11.06.2016 • 22:15 Uhr • 125min • OmdU
Auch Regieberserker Takashi Miike ist im JFFH-Programm 2016 vertreten. Die thematische Mischung „Vampire und Yakuza“ klingt verrückt – und ist es auch! Des Mainstreams müde versucht Miike mit Yakuza Apocalypse: The Great War Of The Underworld eine Annäherung an seine Wurzeln als anarchischer Independent-Regisseur, der sich mit haarsträubenden Direct-to-Video-Produktionen einen Namen machte. Legendäre Genrekracher wie ICHI THE KILLER, FUDOH oder VISITOR Q stehen bis heute für diesen ganz besonderen Miike-Wahnsinn. Die Freunde des alten Miike-Stils können aufatmen. Schon lange hat sich der Meister nicht mehr mit solch lustvoller Hingabe zum blutigen Detail einem Filmprojekt gewidmet, in dem der Froschkönig eine nicht unwesentliche Rolle spielt.

Yakuza-Kino in Hamburg auf dem JFFH am Sonntag, 12. Juni 2016

Outrage Beyond

Metropolis • Sonntag • 12.06.2016 • 19:00 Uhr • 112 min • OmdU
Einer der hinsichtlich Anspruch, Darsteller und Budget wohl bedeutendsten Yakuza-Filme des diesjährigen Festivals ist für viele im Team Takeshi Kitanos Outrage Beyond: Der gefürchtete Sanno-Yakuza-Clan hat sich in der japanischen Geschäftswelt fest etabliert. Wie ein Krebsgeschwür durchdringt er die durch Korruption zerfressene Wirtschaft. In ihrer Gier nach Macht schrecken sie auch vor Polizistenmord nicht zurück. Polizist Kataoka hat genug und greift zu drastischen Mitteln. In der Hoffnung, dass sie sich gegenseitig auslöschen, hetzt er die konkurrierenden Clans der Hanabishi und Sanno aufeinander. Um die Situation zu eskalieren, werden die alten Yakuza-Haudegen Otomo und Kimura aus dem Gefängnis entlassen. Ein Reigen aus eiskalten Morden beginnt.

Noch mehr Trailer aus dem Programm des Japan-Filmfest Hamburg 2016 haben wir euch in dieser Playlist unseres neuen JFFH-YouTube Channels zusammengesellt.

Tags: Schwerpunkt Video Yakuza

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